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ÜBEREINKUNFT UND WIDERSTREIT

Text: J. Meissner / 2016

Die Kunst ist heute im Versuch, eine Krise zu umschiffen. Zwischen brechenden gesellschaftlichen und ästhetischen Normen, die über den schwankenden Boden der Gegenwart schlittern, dem Wellengang beinahe nicht gewachsen, hält sie Ausschau nach einer Küste, die sie wieder Willkommen heißen wird. In der Ferne erscheint sie, und auf ihr befinden sich zwei Gestrandete.

Filip B. Antonijevic und Vincent Steiner gestalten im Cinema Paradiso & Arte jährliche Atelier-Ausstellung, die kein Abbild der Welt an sich, sondern eines des vielfältigen Beziehungsgeflechts des Menschen zu seiner Wirklichkeit ist – einem Ankerwurf auf hoher See gleichsam. Das sinnlich Wahrnehmbare erfährt hier eine eindringliche Betrachtung und Verarbeitung hin zur Begegnung, die provokant ist, die anregt, die zwischen Komplexität und Reduktion ihre Segel blähen lässt. Nichts Geringeres als Ansätze eines individuellen Ent-Rätselns im Gegenüber, in der Kunst.

Und in ihrem Dialog: Im Für-sich- und doch Beieinander-sein beider Künstler. Antonijevic und Steiner teilen seit Herbst 2014 das Atelier, und darin ihre Schaffenszeit. Das Atelier wird zum Ort der Begegnung mit dem jeweils Anderen, mit der Kunst, die hier geschaffen wird und durch ihre Präsenz weiter wirkt. Da sind zum einen Antonijevics Werke – auf oft riesigen Formaten erzählen schreiende Farben, erzählen auch fast blasse Töne von der kriegserschüttertenden Vergangenheit des Künstlers, die ihre Sprache in szenischen Abbildungen des Alltäglichen finden. Da sind zum anderen Steiners Abstraktionen – eine Verführung zum Assoziieren des Betrachters, ein Ausdruck des Unbegrifflichen, um Erfahrbar werden zu lassen, was allein sinnlich wahrnehmbar unzugänglich bliebe. Beiden erweist sich ihre Lebenswelt als sperrig verschlossene, sie stoßen sich an ihr, tragen sie Bild um Bild ab, geben dem Nicht-Darstellbaren Farben und Formen, ob im Konkreten, oder im Abstrakten.

Diese Bilder nun greifen, ins Cinema Paradiso versetzt, als In-sich-Geschlossene nach dem sie umschließenden Raum. Der Raum, das sind die sich dem Betrachter imposant öffnenden Räumlichkeiten der ehemaligen ludwigshafener Notkirche. Winzige Kojen der Seitenschiffe umarmen das dominierende Mittelschiff, das von Säulen getragen in Höhen enteilt. Bewusst platzierte Antiquitäten verstärken die sakrale Atmosphäre des Gemäuers, die wiederhallt, in der Hängung der neuen Gemälde. Diese finden sich in Nischen, Zufluchtsorten gleich, finden sich getrennt und doch in ihrer Gesamtheit, und diese umfasst beinahe dreißig Werke, geeint.

Noch scheint sie im Entstehen begriffen zu sein, scheint sich ihrer eigentlichen Form unsicher, scheint wie ein von herangespülten Wellen in immer neue Muster versetzter Sandstrand. Ein Eindruck, den nicht allein der Wandel des Cinema Paradiso erweckt, sondern der sich auch aus der langen Schaffensgeschichte dieser Ausstellung speist, dem Dialog des Für-sich- und doch Beieinander-seins beider Künstler. Zu dem Moment der Hängung fand eine Begegnung statt, zwischen der Geschichte des Raums und der Geschichte der Raum-Kunst des Ateliers. Das Hinzutreten des Betrachters verstärkt diese Begegnung, ergänzt sie um den subjektiven Blick. Dieser sollte ein offener sein, so fordern es Antonijevic und Steiner, er sollte bereit sein zu sehen, was fehlt, er sollte erkennend sein, zu verstehen, inwiefern hier etwas nicht ist.

Es sollte der Blick eines oszillierenden Subjekts sein, unendlich anpassungsfähig und unendlich widerstrebend, wesensmäßig der des künstlerischen Ichs, der von einer Produktion gefordert wird, die sich auf Innovation, auf den beschleunigten Verfall der Technologien, und dem sicheren Steuern zwischen beiden gründet.

Antonijevic und Steiner suchten diesen Blick gleichsam in ihrer Vergangenheit, ihren Zukunftsgedanken, und ihrer alltäglichen Wahrnehmung. Sie suchten ihn zu tragen, hin, zum Atelier. Suchten ihn ein jeder für sich, und doch im unumwindbaren Beieinander-sein. Sie befanden sich ein jeder jederzeit im Blick des Anderen, im Spannungsfeld eines suggestiven Entstehens, das sich nun für öffentliche Betrachter öffnet, das Küste sein will, für eine seefahrende Kunst.

 

HOLD UP! Serbischer Workshop für antikapitalistische Malerei mit Katze

Text: J. Meissner / 2016

HOLD UP! Erhebt euch und steht stramm! Ein Bein dabei abzuwinkeln, wie du da, zweite Reihe links, ist durchaus erlaubt, aber bitte – diese energielose Haltung, diese schlaffe Körperlichkeit?! Wirklich, Leute! Den Geist sollt ihr füttern, nicht die Bäuche, an denen sich Übergrößen spannen, ihr Faltenwurf ist verräterisch. Verantwortung beginnt in eurer Phantasie. Also, los! Erhebt euch, und lasst euren Verstand sprechen! Wartet? Da zeichnen sich schamrote Wangen auf euren Gesichtern? Wandern über eure Körper, verdichten sich, werden Symbol, werden Ausstellungsstück, entblößen, zeigen Menschliches hinter unmenschlichem Gebärden? Rafft euch! Erhebt euch! Erwachet, und öffnet eure schlaftrunkenen Lider! Nach Innen sollt ihr sehen, um eine Vorstellung des Außens entwickeln zu können. Den Blick aber wendet ihr stattdessen nach oben, ihr seid einzig Betrachter eurer selbst? Miss Missunderstood, ihr negiert euch doppelt und fühlt euch – verstanden? Ja, versteht ihr es denn, euer Handeln und die es nach sich ziehenden Konsequenzen? Da liegt es doch schon im Wort wie in der Hand, lasst es nicht los, wenn es fällt, zerbrichts! Ihr habt euch versehen? Ihr versucht mit Schweigen darüber hinwegzugehen? Nehmt Sprache, seiner statt, nutzt doch, was euch an die Hand gegeben wurde, um Licht ins Dunkle zu bringen. Eine Rhetorik des Guten. Unglauben in euren Gesichtern? Dann sollt ihr es sein, die aus dem Schatten tretet. Und nun, öffnet die Tore der Garagen! Wenn die Räder der Panzer langsam rollen, gebe ich euch diesen Schauplatz frei.

HOLD UP! Serbischer Workshop für antinationalistische Malerei mit Katze entspringt dem Pinsel des serbischen Malers Filip B Antonijevic. Dieser verkehrt ironisch, worüber gesellschaftlich nicht gelacht werden darf, einzig durch eine Methode – ein Rückgelangen zum Alltäglichen, zum Menschlichen hinter Diktatoren, hinter Schrecken, hinter Furcht, hinter Terror und Gräueltaten. Das Haustier im Untertitel tragend, möchte Antonijevic durch ausgewählte Bilder zur Entmystifizierung despotischer Regime beitragen, die er selbst an Haut und Haar in Kriegszeiten erfahren hat. Und dies rückweisend wie zukunftsblickend. Durch ein Zwinkern entthronen, durch Entfremdung, nicht durch ein Verweisen auf die sich unweigerlich in jedermanns Alltag schleichende Transparenz, den Weg zurück zum Menschen finden.

Die Frage, Wie leben?, ist gegenwärtig von einer greifbaren Aktualität, die einzig der eigene Verstand, die eigenen Hände beantworten können. Zu erinnern, an Kants laut gesprochene Worte des Weges der Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, begründet in dem Unvermögen, sich seines Verstandes zu bedienen, kann ein Blick hier allein ein Anfang sein. Es bleibt die Aufforderung zur Entschließung zu Mut – bei Kant, wie in unserer politischen und gesellschaftlichen Gegenwart.

 

GRID CITY

Text: J. Meissner / 2015

Wir müssen das malen, was jetzt mit uns geschieht. WIR MÜSSEN DAS MALEN, WAS JETZT MIT UNS GESCHIEHT!

Man kennt das: Man bewegt sich im Alltäglichen. Mit jedem Morgen begrüßt von einem weiteren grauen Tag. Darauf ein vergebenes Hinterherhasten nach den Aufgaben, die erledigt sein wollen; klassisches Hase-und-Igel-Spiel. Zur abendlichen Entspannung die Monotonie des Nachrichtensprechers, der sich kontinuierlich einer Variation an wörtlichen Schreckensbildern hingibt.

Vielleicht kennt mancher auch das: Man bewegt sich im Alltäglichen, durch das plötzlich unmerklich ein Riss geht. Das kann an einem Abend mit Freunden sein, bei einem hastig geworfenem Blick auf die Gemälde des Vaters, oder dem immer gleichen Weg zur Arbeit. Zum Beispiel. Dann ist es dieser Riss, der eine Änderung des Moments bewirkt – er durchbricht ihn, enthebt ihn der Gleichgültigkeit, die ja allzu oft dem Alltäglichen behaftet ist, und setzt sich unangenehm und fremd in den eigenen Nacken. Aus der eigentlich gewohnten Situation ist jetzt eine spannungsreiche Dringlichkeit geworden. Gedanken beginnen sich zu verschieben, Gefühle sich zu erheben.

Etwas geschieht. Der Moment der Bewusstwerdung setzt ein.

Ich seziere das Alltägliche. Dies ist: Der Versuch, die Momente zu fangen, die ihm entfallen. Weil sie eine Änderung darstellen, eine Veränderung bewirken. Das Verstehen von Veränderung erfordert zwingend, die Beziehungen eines Systems zu allen anderen Systemen menschlicher Aktivität zu betrachten.

Zu diesem Zweck dekonstruiere ich das Sezierte. Erster Schritt: Bewusstwerdung von Systemen. Zweiter Schritt: Betrachtung der Strukturen, die Systeme gliedern. Den Lebensraum des Menschen. Dritter Schritt: Erinnern des strukturalistischen Grundsatzes. Um dem Menschen auf die Schliche zu kommen muss dringend davon ausgegangen werden, dass Phänomene nicht isoliert auftreten können; dass aber eine Reduktion des Beobachtbaren, ergo die Isolierung von Elementen, allein zwischenliegende Relationen aufzeigen kann. Annahme: Ein Aufzeigen der Relationen fördert Erkenntnisse über die betrachteten Phänomene zutage.

Ein Bruch im Alltäglichen gleicht also einer Hervorhebung. Ihm kommt Aufmerksamkeit zu, da erst sein Auftreten das Alltägliche sichtbar werden lässt. Die Wahrnehmung des Bruchs erfordert ein Herunterbrechen des Systems Welt zu diesem Phänomen hin. Konnte es als solches durchdrungen werden, folgt der vierte Schritt: Das durch den Bruch gelöste Phänomen wird an seine ursprüngliche Position zurückgesetzt, also verortet. Auf die gedankliche Dekonstruktion der Realsphäre folgt die künstlerische Konstruktion einer Imaginationsphäre – ein Bild entsteht. Ein Bild entsteht aus der kreischenden Dringlichkeit, auf das, was gerissen ist, hinzuweisen; es festzuhalten, es bemerkbar zu machen.

Wir müssen das malen, was jetzt mit uns geschieht!

Ich verbildliche das, führe das vor Augen, was uns eigentlich jeden Tag widerfährt, was aber unbemerkt bleiben, was übersehen werden könnte, im Dickicht des Alltagsdschungels.

Ich fordere den Betrachter, sich mein Vorgehen anzueignen. Ich male, wie ich denke (zweifache Verstärkung meiner Aussage): ich seziere, ich dekonstruiere, ich durchdringe die gestapelten Schichten des menschlichen Lebens und ich nutze Farbe, um sie auf der Leinwand wieder aufzutragen. Ich male durch Übermalung.

In Übermalungen zu malen bedeutet, wie die Zeit zu verfahren: Der Moment der Entstehung gleicht einer Suche, das Vorhandene durch das noch Nichtvorhandene zu ersetzen. Was gerade noch ist, verschwindet für das Kommende. Nur eine aller Möglichkeiten kann sichtbar erscheinen, und gleichsam aber ist sie in ihrer Präsenz Sinnbild der abwesenden. Ich möchte in meiner Kunst durch die bewusste Anwesenheit von Motiven auf jene verweisen, die nicht abgebildet sind; ich möchte den Betrachter anhalten zu der Frage: Was fehlt?, die über ein dialektisches Denken hinaus an eigenen assoziativen Erinnerungen rütteln soll.

Nur das betrachtende Subjekt in seiner Einheit kann Bilder aus ihrer methodisch bedingten Ausschnitthaftigkeit befreien.

GRID CITY ist eine Sammlung. Eine Sammlung sezierter Phänomene, die sich in Bildausschnitten zeigt, die am Betrachter zerren, ihn aus seinem Alltagsschlaf reißen soll. GRID CITY ist ein Schrei, hinzuschauen. Den müden Augen des Betrachters Leben einzuhauchen, ihn zu Bewusstsein zu zwingen, nämlich dem Bewusstsein für die Zeit, durch die er sich täglich schlägt.

GRID CITY orientiert sich an der Stadt als menschlichem Lebensraum, explizit: Mannheim als die Stadt, die mir zum Mittelpunkt meines künstlerischen Schaffens geworden ist. GRID, das meint Raster, Gatter, Koordinate – wie auch Struktur. Die besondere Struktur der Quadratestadt, oder eben auch: die sezierten Strukturen menschlichen Lebens, die ich als im Großstädter gebündelt betrachte. Das, was ich hier an Anwesendem finde (Frieden, asphaltierte Gehsteige, Baustellen), ist mir gleichsam das Abwesende meiner serbischen Vergangenheit (Krieg, den auf den Boden gerichteten Blick um nicht in Schächten zu versinken, zerbombte Ruinen). Und gleichsam beziehen sich meine Motive auch auf die globale aktuelle politische Gegenwart, auf die gegenwärtigen Kriege, die gegenwärtigen Schmerzen, die gegenwärtigen Sehnsüchte. Hierin begründet sich die Dringlichkeit meiner Bilder.

Wir müssen das malen, was jetzt mit uns geschieht! ist der Ruf, der sie alle hat entstehen lassen. Und der nicht verklungen sein soll, denn das mosaikartige Konzept sieht nicht nur eine derartige Hängung der bereits vorhandenen Bilder, sondern eine Erweiterung ihrer durch eine unmittelbar zum Ausstellungsaufbau angefertigte Wandmalerei im Port25 vor.

GRID CITY ist der Versuch, durch das Bewusstsein an der individuellen Teilhabe an der Gegenwart, das nicht in: Das geht mich doch nichts an!, zu streichen. Den Blick zu öffnen für die Gleichzeitigkeit von Ereignissen. Aber auch für die Gleichzeitigkeit von Gefühlen, von Nöten, von Fragen, etwa nach Herkunft, Heimat oder Zukunft. Diese als allen Strukturen inhärente Phänomene darzustellen. Überwindungen zu ermöglichen.

Man bewegt sich im Alltäglichen, durch das plötzlich unmerklich ein Riss geht. GRID CITY ist dieser Riss. Mancher kennt das vielleicht.

Zur Diplomarbeit / Diplomausstellung / Degree Show

UNFINISHED MEMORY / Der Moment der Dauer

Text: F. B. Antonijevic / Lektoriert von: J. Meissner / 2014

// Es ist doch so – auf die eine oder andere Art betrügen wir uns selbst, um ohne Steinen an den Schuhsohlen durchs Leben gehen zu können.

Wir sind Künstler, sind phantasielose Träumer, gescheiterte Melancholiker, groteske Hipster, ideenlose Dekorateure, sind Whistleblower, sind Ghostwriter, sind bekleidete Exhibitionisten. Wir entblößen uns digital, egal, allein das Network zählt, bespitzeln uns gegenseitig um uns unserer Persönlichkeiten zu vergewissern. Wir leben im Tiefschlaf, wir glauben an die Spiegelbilder der trügerisch glänzenden Oberflächen und früher oder später stehen wir sowieso alle irgendwo zwischen Putin, Angela und Obama. Ob in Syrien, auf der Krim oder im Kosovo, um uns werden Tomahawks fliegen! Wir verdrängen die hässliche Wahrheit! Weil wir zweifeln. Weil wir hoffen.

Wir stellen alle die eine Frage an uns selbst. Wild und laut gebärdet sie sich nach außen! So laut wie die Postmoderne, wie unsere fortgeschrittene Individualisierung, kann sie schreien. Sie ist Hülle, wir tragen sie an uns haftend. Ein leises Flüstern aber ist sie nach innen. Sie ist das jeher bestehende Begreifen-Wollen der eigenen Existenz, die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie ist die Frage nach uns selbst.

Sie ist zweifeln.

Sie ist hoffen.

Und sie ist Tat! Sie will greifen und bekommt zu fassen, was schon da ist, was bereits da war! Sie hält an unfertigen Erinnerungen fest.

Eine unfertige Erinnerung? Ein Paradoxon! Denn Erinnerung, das weiß doch ein jeder, ist Vergangenes. Und vergangen, das heißt: fertig, das heißt: abgeschlossen.

Eine unfertige Erinnerung? Eine Erinnerung, die als zeitloses Medium gleichermaßen der Vergangenheit als auch der Zukunft verpflichtet sein soll!? Eine Erinnerung, die gar nicht, niemals, fertig werden kann, weil sie in der Zukunft weiter wirkt, weil sie in der Zukunft die Vergangenheit rückblickend verändert!? Und die gleichsam die Zukunft durch die Vergangenheit gestaltet, weil sie sie in sich trägt, in Traditionen, in Denk- und Verhaltensmustern, die die Vergangenheit sich in der Zukunft wiederholen lassen. Eine Erinnerung, die Abbild ist, der Summe unserer Erfahrungen und Ergebnis der Einflüsse derer, die dahinter stehen. Die doch eigentlich nichts weiter ist als die Zukunft, die wir alle schon im Jetzt gesehen haben.

UNFINISHED MEMORY, unfertige Erinnerung, ist Titel und zugleich Gegenstand der Bilder meiner Diplomarbeit. Im Mittelpunkt dieser steht das Verhältnis von Erinnerung zur Gegenwart im Spannungsfeld von gesellschaftlichen, politischen und besonders Migrationsbewegungen – persönliche Erfahrungen. Meine Kindheit und die sich aus ihr speisenden Erinnerungen gehören zu den wichtigsten Inspirationsquellen.

Eine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und visionärer Zukunft soll durch die in der Diplomausstellung gezeigten Werke hergestellt werden. Das ist: zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod, Werden und Vergehen, Schaffen und Vernichtung. Diese spielen sich in den unfassbaren Erinnerungen unserer Selbst, in deren Greifbar-Werden in der Realität, die das Aufgewühlte und Chaotische, die das Lebendige in Konstantes umwandelt – die das Immaterielle materialisiert. Meine Wahl fiel auf die gegenständliche Malerei, die, mir meinen Ausdruck am treffendsten gewährleistend, in Bezug auf meine bisherige künstlerische Praxis den größtmöglichen Schaffensbogen spannte.

Kunst lässt die Wahrnehmung der Welt des Künstlers plastisch erscheinen (und in dem sich Wiederspiegelnden: die eigene). In meiner Malerei gestaltet sich meine Lebensrealität. Sie ist vage, verschwommen, und nicht im Detail greifbar. In Schichten und Bildern, die sich übereinanderlegen und nur in ihren Kombinationen, in ihrem Gemenge ein Ganzes, ein Neues, sich in ständiger Änderung Begriffenem ergeben. Weil real ist, was sich ändert.

Und das entgegen der üblichen, betont harten Definition von Realismus die sich gerade nicht im hastig gemaltem, groben Duktus wiederfindet, sondern oft in einer leisen, introvertierten Spannung – die Fragen stellt und keine Antworten gibt. Was sind Zwischenräume? Was ist Nähe, was Distanz? Welche Farbe hat Verletzlichkeit? Und wie lang ist ein Moment?

Meine Malerei lebt von Widersprüchen und Gegensätzen. Sie sucht nach Ausdrücken für Nähe, für Distanz, nach einer Farbe für Verletzlichkeit und der Dauer eines Momentes. Im Kontrast einander gegensätzlicher Positionen trifft in den gezeigten Bildern der Diplomausstellung gestisch-abstrakte Malerei auf eine gegenständlich-beschreibende Darstellung, begegnet braune Monochromie einer intensiven Farbigkeit. Die malerische Geste, der individuelle Pinselstrich ist bei mir stets beides: freie künstlerische Äußerung sowie beschreibendes Element.

Der Materialität von Farbe kommt hierbei eine tragende Rolle zu. Die Oberfläche meiner Bilder wirkt oft schrundig und rau, Bereichen, in denen normalerweise die pastos aufgetragene Farbmasse beinahe skulpturale Qualitäten aufweist, stehen großflächige lasierend-fließende Partien entgegen. Als Ausdruck erfahrener Widersprüchlichkeit führe ich Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammen gehören.

Das Unfertige, Vorläufige ist bei mir immer Teil des Bildes. UNFINISHED MEMORY.

Das oft auf den ersten Blick unlogisch Erscheinende, ihr Ausdruck. Meine Bilder sind vollkommen, und doch nicht abgeschlossen. Denn das, was sie zeigen, ist schon gewesen, bevor es Farbe, Duktus, Bild wurde. Und es wird sich über den beendeten Malprozess hinaus entwickeln – im Verblassen, in Craquelées, in der Zukunft, die die Bilder immer wieder neu, immer wieder fremd, zu ihren Betrachtern sprechen lassen wird. Denn, in Marcel Duchamps Worten: Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk. Und was Duchamps ehemals, und auch heute noch, als gedruckte Lettern in der Innenseite einer mit einem Spiegel versehenen schwarzen Box verlauten ließ, das wirkt auch über sie hinaus, das ist Charakteristika eines jeden Werkes. UNFINISHED MEMORY.

Vergangenheit, Gegenwart, und einer Vision von Zukunft wurden innerhalb dieser Diplomausstellung eine künstlerische Bühne gebaut. Auf dieser sich, im Sinne des Neubeginns, rückblickend die Erinnerungen, die gegenwartsbezogen sind, in Gedankenmodelle bildlich übersetzt zeigen. Hierin zeigt sich ein Umbruch in meinen Arbeiten, vom rein Erzählerischen ins Gegenständlich-Beschreibende, der beispielhaft für meine Faszination für dieses Thema und das Prinzip der Sensibilität der Erinnerungen steht. Diese wird durch die Titel der Arbeiten hervorgehoben, die sowohl meine erlebte Vergangenheit als auch meine gedachte Gegenwart beschreiben.

// UNFINISHED MEMORY. Die ausgewählten Arbeiten sind mehr als zusammengeschnittene Sequenzen meiner eigenen unvollendeten Erinnerung, sie sind Zeugnisse eines fortwährenden Prozesses, einer Suche nach bildlicher Entsprechung, nicht nach Erklärungen der Vergangenheit, sondern um Fragen an die Zukunft. Ein Capriccio der Erinnerungen! Es war und ist eine Suche nach der monumentalen Ruhe im Hässlichen, im Kaputten – es sind Erinnerungen gegen Begreiflichkeit, gegen Automatismen der Wahrnehmung.

„Der Mensch ist nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein Bote der Zeit“

Zur Gruppenausstellung „Show Off“

SHOW OFF / Unfinished Memory

Text: A. Horn, Mannheim / 2014

// Unfinished Memory / Der Moment der Dauer. So der Titel der Diplomarbeit von Filip Antonijevic, repräsentiert durch mehrere Stilleben, welche es erlauben, einen Eindruck seines malerischen Vermögens und seiner Gedankenwelt zu erlangen. Der Moment der Dauer – ein Wortspiel mit der Phrase: die Dauer des Moments – soll zunächst irreleiten, stutzen lassen und Interesse wecken. Die scheinbare Wiedersprüchlichkeit löst sich auf, wenn wir den Titel Unfinished Memory – unabgeschlossene Erinnerung – genauer betrachten: Filip Antonijevics Malerei versteht sich als eine Art subjektiver Kritik an der Beliebigkeit sowie Obszönität postmoderner Bilder und Meinungsfluten, der Kurzlebigkeit von Nachrichten und Sensationen, die ihre Austauschbarkeit kaum verhüllen und somit in hohem Grade an Interesse verlieren.

Allein die Irritationen, welche dem Versuch einer allgemeinen Begriffsbestimmung für unsere Gegenwart in dem Sinne zugrunde liegen, dass man nicht recht weiß, ob man nun postmodern oder posthistoire ist, ob man nun in der Neuen Moderne oder aber einmal wieder im Kalten Krieg lebt usw… Somit verbleibt der Rückzug auf das, dem wir noch am wenigsten misstrauen (ob berechtigt oder nicht, das soll dahingestellt bleiben), nämlich auf uns selbst und die Erinnerung.

Dieser Rückzug wird nahezu wörtlich in den Gemälden Volunteer Exile und Der innere Emigrant ins Bild des Exils übersetzt. Wohl wissend, dass die Erinnerung immer trügerisch ist, selektiv, sich im Laufe der Jahre verändert, verlischt oder manchmal ganz und gar falsch sein kann, werden sie, die Erinnerungen, die Bilder, malerisch neu vermessen. Mit grobem Pinselduktus pastose Farbschichten anhäufend und mit lasierenden Farbflächen kontrastierend, erarbeitet sich Filip Antonijevic nachgerade Fragmente seiner Erinnerungen und überblendet diese mit weiteren.

Er schafft einen neuen formal-künstlersichen Sinn-Zusammenhang, der nun sichtbar wie auch haptisch in der Welt der Dinge den Momenten / Augenblicken Dauer verleiht.